"nach vorne denken" - Workshop-Tag zu Themen der Friedens- und Gedenkstättenarbeit am 26. September 2020, 10 - 18 Uhr


Foto: www.eilersfoto.de, Layout: Manuel Völker
Foto: www.eilersfoto.de, Layout: Manuel Völker

nach vorne denken… ohne einen Blick zurück zu werfen? Mittlerweile ist das Ende des Zweiten Weltkrieges 75 Jahre her und immer häufiger ist die Rede vom Ende der Zeitzeug*innenschaft. Wer zum Kriegsende noch ein Kind war, ist heute über 80 Jahre alt und bald nicht mehr in der Lage, von der eigenen Geschichte zu erzählen. Kommende Generationen werden sich Themen wie der Shoah und dem Zweiten Weltkrieg also zunehmend auf andere Weise zuwenden müssen. Aber wie geht das ohne Zeitzeug*innen?

 

Aus welchen Perspektiven kann ich auf die Zeit des Nationalsozialismus blicken? Erkennen wir Kontinuitäten des Denkens und Handelns von damals? Welche Dokumente hinterlassen uns Opfer und Täter des Nationalsozialismus? Wie kann ich heute in meiner Umgebung historisch aktiv werden und forschen? Auf welche Art und Weise verarbeite ich Geschichte? Diese Fragen müssen wir uns in Zeiten stellen, in denen rechtsextremes Gedankengut vermehrt Zustimmung findet, in denen Anschläge auf religiöse Stätten verübt werden und Verbrechen im Nationalsozialismus am Stammtisch und in Parlamenten verharmlost und geleugnet werden.

 

Gemeinsam mit Referent*innen aus der Friedens- und Gedenkstättenarbeit könnt ihr in verschiedenen Workshops diesen Fragen auf den Zahn fühlen. Sei mit dabei!

Alle Infos auf einen Blick:

  • Zielgruppe: junge Leute ab 16 Jahren
  • An- und Abreise: Selbstständig bis bzw. von Bremervörde (z.B. S-Bahn/Regionalbahn aus Richtung Hamburg/Buxtehude oder Bremerhaven) oder Zeven (z.B. Regionalbus 630 aus Richtung Bremen); von bzw. bis dort bieten wir einen Shuttle in die Gedenkstätte an
  • Verpflegung: Wir kümmern uns um Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen
  • Kosten: Es wird keine Teilnahmegebühr erhoben
  • Barrierefreiheit: Der Veranstaltungsort ist für Personen im Rollstuhl zugänglich

Als Juleica-Inhaber*in kannst du mit dieser Veranstaltung deine Juleica-Card verlängern!

Workshopauswahl:

1. Dr. Susann Lewerenz (KZ-Gedenkstätte Neuengamme): Was haben Kolonialismus und Nationalsozialismus miteinander zu tun – und welche Nachwirkungen haben sie bis heute?

Kolonialismus und Nationalsozialismus werden in der schulischen wie außerschulischen Bildungsarbeit bis heute meist getrennt voneinander behandelt – mit weitreichenden Folgen im Bereich der Erinnerungskultur, aber auch auf das Bewusstsein für ihre Nachwirkungen in der Gesellschaft der Gegenwart. Anliegen des Workshops ist es, anhand konkreter Beispiele die vielfältigen Verflechtungen zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus aufzuzeigen. Unter anderem werden Biografien von People of Color behandelt, die unter nationalsozialistischer Herrschaft lebten. Des Weiteren werden koloniale Aspekte des nationalsozialistischen „Vernichtungskrieges“ in Osteuropa in den Blick genommen. Auf diese Weise möchte der Workshop Impulse für verflechtungsgeschichtliche Ansätze in der Bildungsarbeit geben und zugleich zu einer rassismuskritischen sowie multiperspektivischen und inklusiven Erinnerungskultur anregen.

2. Michael Quelle (Lokalhistoriker aus Stade): Spuren der NS-Opfer - Spuren der NS-Täter

Mittlerweile liegt das Ende des Zweiten Weltkrieges 75 Jahre zurück, die Spurensuche ist aber noch längst nicht abgeschlossen, die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus noch nicht beendet. Der Workshop soll den Teilnehmenden einen Überblick geben, wie nach Opfern der "Euthanasiemorde", der Zwangsarbeit, der Kriegsgefangenschaft, der in den Konzentrationslagern Umgekommenen recherchiert werden kann. Darüber hinaus soll aber auch die Täterforschung in den Blick genommen und der Frage nachgegangen werden, was heute noch über regionale NS-Täter in Erfahrung gebracht werden kann. Abschließend erfahren die Teilnehmenden, in welchen Regionen und zu welchen Opfergruppen auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch dringend eine Aufarbeitung notwendig ist, wo sie also konkret forschen können und wie sie das am besten anstellen. Der Referent des Workshops, Michael Quelle, hat 1987 eine Staatsexamensarbeit über die „Rotenburger Anstalten 1933 – 45“ geschrieben und aktuell gerade eine Recherche zu allen NS-Opfergruppen im Landkreis Stade beendet.

3. Juliane Hummel (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten) & Andreas Ehresmann (Gedenkstätte Lager Sandbostel): XXX?

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4. Ruurd van Schuijlenburg & Ben Middelkamp (Künstler aus Groningen/NL): XXX?

Der Workshop thematisiert „die Männer aus Putten“, einer niederländische Gemeinde, 70 Kilometer östlich von Amsterdam. In der Nähe des Dorfes verübten niederländische Widerstandskämpfer in der Nacht zum 1. Oktober 1944 einen Anschlag auf ein Fahrzeug der Wehrmacht. Einen Tag später wurden 660 Männer aus Putten bei einer großen Razzia gefangen genommen und in das Konzentrationslager Neuengamme und dessen Außenlager), darunter auch das KZ Neuengamme, deportiert. Von dort kamen 46 von ihnen auf einem der Todesmärsche ins KZ-Auffanglager im Stalag X B Sandbostel. Nur zwölf überlebten.

Ruurd van Schuijlenburg stammt selbst aus Putten und berichtet gemeinsam mit Ben Middelkamp von der Razzia und ihrer Bedeutung für diejenigen, die dort geblieben sind, während des Krieges und auch danach. Sie zeigen ihren eigenen Umgang mit Erinnerungen und Eindrücken des Geschehenen, die sie in einem Projekt künstlerisch verarbeitet haben. Auch die TeilnehmerInnen sollen durch Zeichnungen ihren Erfahrungen Ausdruck geben, indem sie sich auf eigene Art und Weise mit der Umgebung des Lagers, mit den Gesichtern der in Sandbostel umgekommenen Männern und mit dem Schicksal der Gruppe aus Putten auseinandersetzen.

5. Michael Freitag-Parey (Gedenkstätte Lager Sandbostel): Gespräch mit Johann Dücker

Vor 75 Jahren zog ein Todesmarsch mit Häftlingen mehrere Außenlager des KZ Neuengamme durch das kleine Dorf Volkmarst. Johann Dücker war damals neun Jahre alt. Er sah, wie zwei KZ-Häftlinge bei einem Fluchtversuch erschossen und auf einem Acker verscharrt wurden. Die Toten wurden nie gefunden. Im Jahr 2006 ließ Johann Dücker einen Gedenkstein auf seinem Grundstück aufstellen. Es ist bis heute das einzige Denkmal auf dem Weg des Todesmarsches von Bremen-Farge nach Bremervörde im April 1945.

Nach dem positiven Feedback aus dem vergangenen Jahr, haben wir uns dazu entschieden, wieder ein Zeitzeugengespräch in das Angebot von “nach vorne denken” aufzunehmen. Anstatt eines Workshops wird euch in diesem Programmpunkt also ein offener Austausch mit Johann Dücker über seine Erlebnisse und sein Gedenken erwarten!