Aus dem Archiv ...


Mit der Reihe „Aus dem Archiv“ stellen wir regelmäßig eine Archivale aus dem Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel vor. Das Gedenkstättenarchiv bewahrt Dokumenten, Fotos, Artefakte und archäologische Grabungsfunde zur Geschichte und Nachgeschichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag X B Sandbostel und des KZ-Auffanglagers auf. Mit dieser Reihe wollen wir einen Einblick in die Vielseitigkeit dieser Archivbestände geben.
Kontakt: Ines Dirolf

Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel: +49 (0)4764-22 54 810 oder archiv (at) stiftung-lager-sandbostel.de


Aus dem Archiv #2 - Dokumentenbestand Raynal-Ehrke

Dr. Torsten Raynal-Ehrke fand im Nachlass seines Schwiegervaters einen Ordner mit gesammelten Berichte ehemaliger französischer Kriegsgefangener aus dem Sommer 1945. Wie der Ordner seinen Weg in den Aktenschrank eines französischen Übersetzers fand, ist nicht bekannt. Im Januar 2022 übergab Herr Dr. Raynal-Ehrke den Ordner dem Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel.

Zustand des Ordners vor der Aufnahme ins Archiv, Foto: Ines Dirolf
Zustand des Ordners vor der Aufnahme ins Archiv, Foto: Ines Dirolf

Der Ordner sammelt 33 Berichte ehemaliger französischer Kriegsgefangener), die als medizinisches Personal in den Lazaretten von Kriegsgefangenenlager während des Zweiten Weltkriegs eingesetzt waren, an den Directeur du Service de Santè, den Leiter des französischen Armeesanitätsdienstes. Überwiegend stammen die Berichte über die Zustände in den Lazaretten aus der Zeit unmittelbar nach Kriegsende 1945 – darunter auch der Lazarette des Kriegsgefangenenlagers Stalag X B Sandbostel und des Oflags (Offizierslager) X B Nienburg.

 

Die Berichte geben einen umfassenden Einblick in die Situation in den Lazaretten. Der Sanitätsoffizier Pierre Louis Minvielle beispielsweise berichtet vom Lazarett des Bremer Arbeitskommandos auf dem Wohnschiff Admiral Brommy von äußerst unhygienischen Unterkünften. Die Admiral Brommy im Bremer Hafen funktionierte als Unterkunft für die französischen Kriegsgefangenen, die im Hafen arbeiten musste. Nach Interventionen des Internationalen Roten Kreuzes wurden das Arbeitskommando in den sogenannten Ulrich Schuppen verlegt und die Admiral Brommy zur Unterbringung von überwiegend sowjetischen zivilen Zwangsarbeitern genutzt.


Vorderseite des Berichts von Duflo vom 09.11.1942, Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel 4.1.07 JR
Vorderseite des Berichts von Duflo vom 09.11.1942, Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel 4.1.07 JR

1945 geht die genaue Belegung der Baracken des Lazaretts des Stalag X B hervor. Das Kriegsgefangenenlagerlazarett befand sich etwa einen Kilometer vom Stalag X B entfernt. Martin berichtet von der medizinischen Einrichtung vor Ort, dem hygienischen Zustand und der Epidemiewellen. Da Martin bis zur Befreiung im Lazarett arbeitet, geht er auf die Notversorgung der KZ-Häftlinge ein, die die SS in zweiten Aprilhälfte 1945 in das Stalag X B brachte.

 

Die Kriegsgefangenen behandelten in den Lazaretten nicht nur französische Gefangene, sondern Kriegsgefangener aller Nationen. In den Berichten betonen sie die Ungleichbehandlung der verschiedenen Gefangenengruppen, besonders den Zustand der sowjetischen Kriegsgefangenen beklagen sie als katastrophal. Henri-Marie Sagnier war nur kurze Zeit im Lazarett Sandbostel und in seinem eher kurzen Bericht zu Sandbostel fasst er den Zustand der sowjetischen Kriegsgefangenen wie folgt zusammen: „Les russes étaient particulaièrement misérables.“, ihnen ginge es besonders miserabel.

Mit diesem Bestand ist das Archiv um ein spannendes Archivale reicher geworden. Das Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel lädt herzlich dazu ein, sich wissenschaftlich mit den vielseitigen Archivalien auseinanderzusetzen.


Aus dem Archiv #1 - Kriegsgefangenenmarken

Gefangenenmarke von Sergej Michailovic Prokofjev, Gedenkstätte Lager Sandbostel
Gefangenenmarke von Sergej Michajlovič Prokof‘ev, Gedenkstätte Lager Sandbostel

Einen Monat nach dem Überfall auf die Sowjetunion nahm die Wehrmacht am 22.7. 1941 Sergej Michajlovič Prokof‘ev in Estland in Kriegsgefangenschaft. Von dort aus brachte die Wehrmacht den 22-Jährigen sowjetischen Soldaten in das sogenannte Russenlager Wietzendorf X D (310) in der Lüneburger Heide. Dort erhielt Prokof‘ev bei der Registrierung die Gefangenennummer 34342, die er ab dem Zeitpunkt als Marke um den Hals tragen musste. Bei einem Sondengang rund um die heutige Gedenkstätte Lager Sandbostel wurde diese Kriegsgefangenenmarke anderen Marken auf einem Acker gefunden. 

 

Über die Frage, wie die Marke in das Kriegsgefangenenlager Stalag X B Sandbostel kam, lassen sich nur Vermutungen anstellen. Aus der Personalkarte Prokof‘evs geht hervor, dass eine Typhusepidemie nach seiner Registrierung in das Stalag X C nach Nienburg versetzt wurde. Kurz arbeitete er in einem Arbeitskommando in Schwaförden in der Nähe von Nienburg. Laut seiner Personalkarte kam Prokof‘ev Anfang Dezember 1941 in das Lagerlazarett Sandbostel. Allerdings brach zu dieser Zeit unter den etwa 10.000 sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag X B eine Typhusepidemie aus, weswegen eine Quarantäne über das Lager verhängt wurde. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass Sergej M. Prokof‘ev tatsächlich wie in der Personalkarte angegeben in das ein Kilometer entfernte Lazarett kam. Wahrscheinlicher ist, dass er im Frühjahr 1942 in den Krankenbaracken im Stalag X B starb. In seiner Personalkarte steht zu seinem Tod nur der Vermerk „In der Quarantänezeit unbekannt verstorben“. Prokof‘ev war zu dem Zeitpunkt noch kein Jahr in deutscher Kriegsgefangenschaft.

Säurefreies Display zur Lagerung der Kriegsgefangenenmarken, Gedenkstätte Lager Sandbostel
Säurefreies Display zur Lagerung der Kriegsgefangenenmarken, Gedenkstätte Lager Sandbostel

Die Kriegsgefangenenmarke von Sergej M. Prokof‘ev ist eine von ca. 1.000 Gefangenenmarken, die im Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel lagern. Einige der Marken lassen sich zuordnen, bei vielen stellen sich jedoch immer wieder neue Fragen, deren Antworten wissenschaftlich noch nicht erforscht sind. Das Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel lädt herzlich dazu ein, sich wissenschaftlich mit den vielseitigen und umfassenden Archivalien auseinanderzusetzen.

 

Quellen: OBD "Memorial" / Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel