Online-Ausstellung: »Hinter den Fassaden«

Traditionell öffnen wir am zweiten Sonntag im September eines jeden Jahres, dem "Tag des offenen Denkmals" in der Gedenkstätte die Türen, die der Öffentlichkeit üblicherweise verschlossen bleiben. Doch 2020 ist alles anders: Die veranstaltende Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat diese größte Kulturveranstaltung der Republik ins Internet verlegen müssen und wir waren herausgefordert, unseren einmaligen Gebäudebestand digital zu präsentieren.

 

Wir sind sehr froh, dass wir mit Johanna Becker aus Gnarrenburg eine talentierte Hobbyfotografin gefunden haben, die sich mit ihrer Kamera "hinter die Fassaden" begeben und mit uns diese Online-Ausstellung entworfen hat. Die Aufnahmen dokumentieren die Spuren von Jahrzehnten der Vernachlässigung und des immensen Sanierungsbedarfs in den Gebäuden, der noch viele Jahre nach Gründung der Gedenkstätte besteht. Vor allem aber zeichnet Johanna Becker mit einem guten Blick für Details ein beeindruckendes Bild von einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager, das durch die unterschiedlichen Phasen seiner Nachnutzung seit 1945 heute nur stark überformt wahrnehmbar ist.


Holzbaracke »Z3«

Als die Stiftung Lager Sandbostel das erste Grundstück mit hölzernen Unterkunftsbaracken aus der Erweiterungsphase des Stalag X B im Jahr 1940 erwarb, befand sich die Bausubstanz in einem ruinösen Zustand. Durch die umfangreichen Sanierungsmaßnahmen, die im Jahr 2007 begannen, sind fünf Holzbaracken begehbar. Der letzte Innenausbau erfolgte zur Zeit des DDR-Notaufnahmelagers in den 1950er Jahren. Davon zeugen bis heute zahlreiche Wandmalereien, teilweise mit revanchistischem Inhalt.


»Kartoffelbunker«

Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt wurde an der Lagerstraße des Stalag X B Sandbostel ein Bunker errichtet. Vermutlich sollten die Soldaten der Wachmannschaften in der vier mal zwölf Meter großen Röhre bei Luftangriffen Schutz suchen, denn für die Kriegsgefangenen waren zu diesem Zweck nur sogenannte Splitterschutzgräben ausgehoben worden. In den 1950er Jahren lagerte die Küche des

DDR-Notaufnahmelagers hier Kartoffeln, was dem Bunker seinen umgangssprachlichen Namen verlieh.


»Tischtennisraum«

Für die Nachnutzung als Aufnahmelager für aus der DDR geflohene Jugendliche wurden in den Unterkunftsbaracken Sanitäranlagen eingerichtet. Die Latrinengebäude des Kriegsgefangenenlagers verloren an Bedeutung und wurden einer anderen Verwendung zugeführt. So entstand in einem nicht weiter als Waschraum genutzten Anbau ein Sportbereich, dessen Wandverzierungen bis heute zu sehen sind.


Holzbaracke »Z4«

Viele Räume in den nicht öffentlich zugänglichen Holzbaracken dienen der Gedenkstätte als Depot für archäologische Funde im ehemaligen Stalag X B genutzt. Darüber hinaus lagern hier originale Bauelemente, die bei Instandhaltungsmaßnahmen wiederverwendet werden können. Durch die Umbauten in den Nachnutzungphasen und den Sanierungsarbeiten der Stiftung Lager Sandbostel bestehen die Holzbaracken nur noch etwa zur Hälfte aus ihrer ursprünglichen Bausubstanz.


Arrestzelle

In den Arrestbaracken im sogenannten Vorlager verbüßten Kriegsgefangene ihre Strafen nach vermeintlichen oder tatsächlichen Verstößen gegen die Lagerordnung. Sie wurden dort bis zu mehrere Wochen lang in etwa vier Quadratmeter großen Einzelzellen untergebracht, oft in Verbindung mit völkerrechtswidrigem Nahrungs- und Schlafentzug. Die einzige in ihrer Form und Größe erhaltene Arrestzelle wurde in der Nachkriegsnutzung zu einer Toilette umgebaut, wird heute jedoch von der Straßenmeisterei des Landkreises Rotenburg (Wümme) zur Aufbewahrung von Arbeitsmaterialien genutzt.


Steinbaracken

Die Steinbaracken an der Greftstraße, der einstigen Lagerstraße, gehören zu den ältesten Gebäuden auf dem Gedenkstättengelände. Sie lassen sich bereits in den ersten Bauplänen für das Stalag X B aus dem Sommer 1939 finden. Fertiggestellt wurden die Unterkünfte aber erst nach dem Eintreffen der ersten polnischen Kriegsgefangenen, die die ersten Monate in Mannschaftszelten verbrachten. Nach der Privatisierung des Areals im Jahr 1974 verfiel die Bausubstanz zunehmend und ist heute nur noch als Ruinenstruktur begehbar.


Holzbaracke »Z6«

Durch die umfangreichen Umbauten und Sanierungen der Unterkünfte in den verschiedenen Phasen ihrer Nachnutzung lässt sich die ursprüngliche innere Struktur nur noch erahnen. An den mehr als vierzig Meter langen Mittelflur grenzten links und rechts jeweils fünf gleichgroße "Mannschaftsstuben" für die Kriegsgefangenen. An den Eingänge befanden sich Nachtaborte, weil die Lagerodnung ein Verlassen der Baracken und Aufsuchen der Latrinen nur am Tag erlaubte. Verstöße wurden wie ein Fluchtversuche bestraft.


»Lagerkirche«

An dieser Stelle außerhalb der heutigen Gedenkstätte entstand im Frühjahr 1946 eine überkonfessionelle Kirche für die von der britischen Armee in Sandbostel internierten ehemaligen SS-Männer und NSDAP-Funktionäre. Die Insassen des "No. 2 Civil Internment Camp", unter ihnen zahlreiche KZ-Wachmänner und Kriegsverbrecher, richteten die Wellblechhütte mit halbrunden Dach - eine so genannte Nissenhütte - mit einem gemauerten Altar und einem selbst gefertigten Kreuz her.

 

Im Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge wurde die Kirche zunächst weiter genutzt, jedoch 1957 aufgrund ihres maroden Zustands ersetzt. Die überkonfessionelle Nutzung wurde beendet und eine eigenständige katholische Kirche wurde im selben Jahr errichtet - sie ist heute Teil der Gedenkstätte. Der ursprüngliche Altar und das von den Internierten gefertigte Kreuz wurden in den Neubau übernommen und auch die halbrunde Decke erinnert an den Vorgänger. In der Kirche - bis heute "Lagerkirche" genannt - finden an jedem ersten Sonntag im Monat Gottesdienste der St. Lamberti Gemeinde Selsingen statt.


Holzbaracke »Z7«

Viele der minderjährigen Geflüchteten, die in den 1950er Jahren im Notaufnahmelager Sandbostel lebten, waren erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als sogenannte Heimatvertriebene in die Sowjetischen Besatzungszone, die 1949 zur DDR wurde, eingewandert. In ihren künstlerischen Hinterlassenschaften lassen sich zahlreiche Motive aus den früheren östlichen Provinzen des Deutschen Reiches finden, die nach dem Potsdamer Abkommen Polen und der Sowjetunion zugestanden wurden.