Sowjetische Kriegsgefangene


Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann ein neuartiger Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg. Wehrmacht und deutsche Zivilbevölkerung waren mit rassistischer und politischer Propaganda auf den Kampf gegen die vermeintlichen "Untermenschen" und dem "jüdischen Bolschewismus" vorbereitet worden.

Von den mehr als 3 Millionen 1941 in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten starben bis Frühjahr 1942 etwa zwei Drittel. Politische Offiziere und jüdische Gefangene wurden von der Wehrmacht bereits in den Kriegsgefangenenlagern hinter der Front selektiert und ermordet.

Den in das Deutsche Reich gebrachten sowjetischen Kriegsgefangenen wurden jegliche Rechte des Kriegsvölkerrechts vorenthalten. Zunächst wurden sie in speziellen "Russenlagern" untergebracht, in denen es noch keine Unterkünfte und kaum Verpflegung und medizinische Versorgung gab.

Sowjetische Kriegsgefangene auf dem Weg vom Bahnhof Bremervörde nach Sandbostel. Aus einer Fotoserie des Wachsoldaten Karl Ellerbrake, nicht datiert.
Sowjetische Kriegsgefangene auf dem Weg vom Bahnhof Bremervörde nach Sandbostel. Aus einer Fotoserie des Wachsoldaten Karl Ellerbrake, nicht datiert.

Das Stalag X B Sandbostel war ursprünglich nicht als "Russenlager" vorgesehen. Erst nach dem die entsprechenden Lager im Wehrkreis X in der Lüneburger Heide überfüllt waren, gelangten von Oktober bis Dezember 1941 etwa 20.000 sowjetische Soldaten nach Sandbostel. Insgesamt sollten es über 70.000 werden.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen kamen an den Bahnhöfen in Bremervörde oder in Brillit anund mussten von dort zu Fuß zum Lager marschieren.

Im Stalag X B wurden sie in eilig geräumten Baracken zusammengepfercht. Ihre strenge Bewachung war dabei wichtiger als eine ausreichende Versorgung. Etwa 3.000 sowjetische Kriegsgefangene starben bereits im Winter 1941/42.

Aufgrund unzureichender Versorgung war die Sterberate unter den sowjetischen Kriegsgefangenen signifikant höher als bei den anderen Gefangenengruppen. Knapp 4.700 sind heute namentlich bekannt, die Gesamtzahl lässt sich nicht seriös schätzen, lag aber deutlich höher.


An die Ankunft der sowjetischen Kriegsgefangenen in Sandbostel erinnerte sich der französische ehemalige Kriegsgefangene Paul Roser in einem der Nürnberger Prozesse:

"Die Russen kamen in Fünfer-Kolonnen an und stützten sich gegenseitig, denn keiner von ihnen konnte alleine gehen. Wandernde Skelette ist wirklich der einzige zutreffende Ausdruck .... Fast alle schielten, denn sie hatten nicht mehr die nötige Kraft, um ihre Augen anzupassen. Sie fielen reihenweise um, fünf Mann auf einmal; die Deutschen stürzten sich auf sie und schlugen sie mit Gewehrkolben und mit Peitschen ... . "

 

Sowjetische Kriegsgefangene bei der Ankunft im Stalag X B. Foto: Robert V., nicht datiert.
Sowjetische Kriegsgefangene bei der Ankunft im Stalag X B. Foto: Robert V., nicht datiert.

Nach ihrer Ankunft wurden viele sowjetische Kriegsgefangene trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes sofort auf Arbeitskommandos verteilt. Hier waren sie gesondert und oft schlechter untergebracht als die Kriegsgefangenen anderer Nationen.

Die Wachsoldaten hatten den Befehl, bei jeglicher Widersetzung der sowjetischen Kriegsgefangenen rücksichtslos mit der Waffe durchzugreifen. In den meisten Fällen hatten die Soldaten den Befehl verinnerlicht und handelten danach.

 

Die Ernährung der sowjetischen Kriegsgefangenen war sehr viel schlechter als die anderer Nationen. Sie erhielten keine Rot Kreuz-Pakete zur Nahrungsergänzung und es gab es spezielle Anordnungen Lebensmittel minderer Qualität, wie beispielsweise Pferdefleisch oder nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignetes Freibankfleisch an die sowjetischen Kriegsgefangenen zu verteilen. Eine Zeitlang wurde für die sowjetischen Kriegsgefangenen ein eigenes Brot gebacken, dass sogenannte „Russenbrot“, das aus Roggenschrot, Zuckerrübenschnitzel, Zell- und Strohmehl oder Laub bestand und das neben Kartoffeln und einem Liter Wassersuppe oft die einzige Tagesration für sowjetische Kriegsgefangene darstellte.
 

Die Gedenkstätte Lager Sandbostel mit dem erhaltenen Barackenbestand ist der Bereich, in dem ab Oktober 1941 die sowjetischen Kriegsgefangenen untergebracht waren.

 

Weiterführende Literatur: