Umgestaltung zur "Kriegsgräberstätte Sandbostel"


Bereits unmittelbar nach der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel am 29. April 1945 wurden erste Gedenkzeichen auf dem ehemaligen Lagergelände errichtet.

An die verstorbenen KZ-Häftlinge, die von ihren Kameraden in unmittelbarer Nähe des befreiten Lagers bestattet worden waren, wurde durch Gedenksteine auf den Massengräbern und hölzernen Grabzeichen auf den Einzelgräbern erinnert.

Das 30th Corps der britischen Armee setzte im Eingangsbereich des ehemaligen Stalag X B im Mai 1945 ein erstes Denkmal in Erinnerung an die bis zu diesem Zeitpunkt in Sandbostel verstorbenen 2.070 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde dieses Gedenkkreuz von unbekannter Hand entfernt.

Auch auf dem Lagerfriedhof wurden schon kurz nach dem Krieg erste Denkmäler zur Erinnerung an die hier verstorbenen Kriegsgefangenen errichtet.

Das sowjetische Denkmal. Foto: unbekannt, nicht datiert. CAMO
Das sowjetische Denkmal. Foto: unbekannt, nicht datiert. CAMO

1945 wurde auf Initiative der sowjetischen Militäradministration auf einer freien Fläche zwischen den Massengrabreihen mit den verstorben sowjetischen Soldaten ein etwa sechs bis sieben Meter hoch aufragendes Denkmal errichtet, das in seiner Formensprache, mit in alle Richtungen ragenden Kanonenrohren und einem fünfzackigen Stern auf der Spitze, an ein traditionelles sowjetisches Siegesdenkmal erinnert.

Die Inschrift an dem Denkmal lautete: "Hier ruhen 46.000 russische Soldaten und Offiziere. Zu Tode gequält in der Nazivergangenheit" und war in Russisch, Englisch und Deutsch zu lesen.

Das polnische Denkmal. Foto: Helmut Glas, nicht datiert.
Das polnische Denkmal. Foto: Helmut Glas, nicht datiert.

Oberhalb des Bereiches in dem die verstorbenen polnischen Kriegsgefangenen bestattet sind, entstand vermutlich 1945 oder 1946 ein weiteres Denkmal in Erinnerung an die polnischen Opfer.

Die national-religiös geprägte Inschrift ist nicht mehr vollständig zu rekonstruieren: „1939 – 1945 | Tu leżą niedoczekawszy polski […] | Spicie spokojnie w Panu! My zaniesiemy wasze [czyny] Ojczyznie i Narodowi“ („1939 – 1945 | Hier liegen die, die [das freie] Polen nicht mehr erlebt haben […] | Ruhet friedlich beim Herrn! Wir tragen eure [Taten] zu Vaterland und Volk“)


Ansicht des sowjetischen Denkmals und der ungepflegt wirkenden Massengrabreihen. Foto: nicht bekannt, nicht datiert. CAMO
Ansicht des sowjetischen Denkmals und der ungepflegt wirkenden Massengrabreihen. Foto: nicht bekannt, nicht datiert. CAMO

Insbesondere die in der Inschrift des sowjetischen Denkmals genannte Zahl von 46.000 sowjetischen Opfern wurde in der Region stets als viel zu hoch kritisiert. Verwiesen wurde dabei immer auf eine Liste mit den Namen von etwa 8.000 verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen, die kurz vor Kriegsende einem Landwirt übergeben, dann aber bei einem Bombenangriff vernichtet worden sein soll.

1949 initiierte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge daraufhin eine Befragung von zehn ehemaligen Angehörigen des Offizierskorps und der Wachsoldaten sowie zwei der ehemaligen Lagerärzte. Alle Befragten antworteten unisono, dass die in der Inschrift genannte Zahl zu hoch sei. Die Angaben schwankten zwischen 6.000 und 7.000.

In der folgenden Diskussion gab es verschiedene Vorschläge, wie mit diesen divergierenden Angaben und insbesondere der als zu hoch kritisierten Zahl auf dem Denkmal umzugehen sei: eine erklärende Tafel, ein Gegendenkmal und ähnliche Vorschläge wurden gemacht.

Anstatt dessen wurde dann aber 1956 im Rahmen einer generellen Ungestaltung des Lagerfriedhofs von der niedersächsischen Landesregierung angeordnet, dass das Denkmal gänzlich abgetragen werden solle.

1956 nach Entwürfen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichtetes Mahnmal und angrenzend die oberirdisch zusammengefassten Massengräber. Foto: A. Ehresmann, 23.9.2004
1956 nach Entwürfen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichtetes Mahnmal und angrenzend die oberirdisch zusammengefassten Massengräber. Foto: A. Ehresmann, 23.9.2004

Nach der Umbettung der sterblichen Überreste der KZ-Häftlinge aus den Massengräbern beim ehemalige Lagergelände wurde der Friedhof im Herbst 1956 nach Entwürfen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) gänzlich neu gestaltet.

Auf dem Gräberfeld II wurden die etwa 2.400 Einzelgräber der KZ-Häftling jeweils zu zweit mit einem nicht beschrifteten Kissenstein gekennzeichnet. Außerdem wurden mehrere Symbolkreuzgruppen, verteilt über das Gräberfeld, aufgestellt, die der VDK eigentlich zur Kennezeichnung deutscher Soldatenfriedhöfe im Ausland nutzt.

Die 70 Massengrabreihen mit einer unbekannten Anzahl verstorbener sowjetischer Soldaten wurden oberirdisch zu 15 erhöhten Feldern zusammengefasst und jeweils mit einem russisch-orthodoxen Kreuz gekennzeichnet. Das gesprengte sowjetische Denkmal mit der umstrittenen Inschrift ist durch ein schlichtes Denkmal aus drei Stelen mit der Inschrift "Euer Opfer | Unser Verpflichtung | Frieden" ersetzt worden.

In den 1960er-Jahren wurde dann auch das polnische Denkmal wegen "Baufälligkeit" abgetragen und durch ein Hochkreuz mit zwei flankierten Stelen ersetzt.

 

1986 schließlich entfernte die Gemeinde Sandbostel die nicht beschrifteten Kissensteine auf dem Gräberfeld II, die die hohe Zahl der hier ruhenden KZ-Häftlinge verdeutlichte und bepflanzte das gesamte Gräberfeld II mit pflegeleichterem Rasen. Lediglich die kSymbolkreuzgruppen des VDK markieren diesen Bereich heute.

 

Festzustellen ist, dass durch die Umbettung der menschlichen Überreste der KZ-Häftlinge auf den Friedhof die Erinnerungen vom Ort der Tat gänzlich auf den ehemalige Lagerfriedhof verlagert wurde. Zudem wurde durch die Umgestaltung mit der optischen "Reduktion" der Gräber und der dabei ebenfalls erfolgten christlich-religiöse Überformung die Erinnerung an die nicht wahrhabenden Tatsachen "erträglich".

 

Durch die oberirdische Zusammenfassung der Massengräber sind diese optisch verkleinert und durch die Entfernung der Kissensteine auf dem Gräberfeld II kann die hohe Zahl der hier bestatteten KZ-Häftlinge heute nicht mehr erkannt werden.

 

Das Gräberfeld II mit den gekennzeichneten Gräbern der KZ-Häftlinge. Im Hintergrund ist das in den 1960er-Jahren errichtete Hochkreuz zu erkennen. Foto: unbekannt, nicht datiert.
Das Gräberfeld II mit den gekennzeichneten Gräbern der KZ-Häftlinge. Im Hintergrund ist das in den 1960er-Jahren errichtete Hochkreuz zu erkennen. Foto: unbekannt, nicht datiert.
Das Gräberfeld II nachdem 1986 sämtliche Kissensteine entfernt wurden. Foto: A. Ehresmann, 23.9.2004
Das Gräberfeld II nachdem 1986 sämtliche Kissensteine entfernt wurden. Foto: A. Ehresmann, 23.9.2004

Anläßlich des 67. Jahrestages der Befreiung wurde mit über 100 Schülern auf jedem Grab ein Holztäfelchen zur Kennzeichnung aufgestellt und so die Dimensionen des Gräbefeldes temporär zu visualisieren. Foto: A. Ehresmann, 29.4.2012
Anläßlich des 67. Jahrestages der Befreiung wurde mit über 100 Schülern auf jedem Grab ein Holztäfelchen zur Kennzeichnung aufgestellt und so die Dimensionen des Gräbefeldes temporär zu visualisieren. Foto: A. Ehresmann, 29.4.2012