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Zevener Zeitung 8. Mail 2010

Keine Hassgefühle verspürt

Ehemaliger belgischer Kriegsgefangener berichtet an Realschule aus seiner Zeit in Sandbostel

Aufmerksam lauschten die Schüler dem Vortrag von Roger Cottyn und stellten am Ende seines Referates auch viele Fragen.

ZEVEN. Nachhaltig beeindruckt zeigten sich zwei zehnte Klassen der Carl-Friedrich-Gauss Realschule. Mehr als 50 Schülerinnen und Schüler lauschten gespannt dem ehemaligen Kriegsgefangenen Roger Cottyn (90), heißt es in einer Mitteilung der Schule. Cottyn, ehemaliger Kriegsgefangener im Stalag XB in Sandbostel, kam auf Einladung der Geschichtslehrer der Realschule.
Nachdem sich Roger Cottyn kurz vorgestellt hatte, gab er einen kurzen Überblick über seine Erlebnisse als Soldat der belgischen Armee, der den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Belgien miterleben musste.

Sehr anschaulich schilderte er die Unterlegenheit der belgischen Armee, die im Zuge des Westfeldzuges bis nach Flandern zurückgeworfen wurde und schließlich kapitulieren musste. Hier berichtete der Zeitzeuge eindrucksvoll von seinen Gefühlen während der Kapitulation und des Eintritts in die Kriegsgefangenschaft. B­sonders die Ungewissheit, was mit ihm passieren sollte, sei das drängendste Problem innerhalb seiner Gefühlswelt gewesen, so Cottyn. Die Soldaten wurden in Viehwaggons gepfercht und nach Bremervörde gefahren. Von dort aus ging es zu Fuß nach Sandbostel. Dort wurden alle Wertsachen und persönliche Gegenstände ab­gegeben.

Cottyn wurde faktisch der Name entzogen und er zu einer Nummer degradiert. Danach wurde Cottyn nach Soltau verfrachtet. Viele Kriegsgefangene arbeiteten als Helfer auf Bauernhöfen. Dies, so Cottyn, sei noch die angenehmste Zeit gewesen, da auf den Höfen immerhin die Verpflegung besser gewesen sei als im Lager. Außerdem
konnte er sich einiges Wissen über Landwirtschaft aneignen.
Danach befragte Cottyn die Schüler selbst, welchen Schwerpunkt sie hören wollten. Die Schülerinnen und Schüler waren sowohl an seiner Zeit in der Landwirtschaft als auch im Lager interessiert.
Zunächst berichtete Cottyn über seine Arbeit auf verschiedenen Höfen. Plötzlich zwang ihn ein Nabelbruch die dortige Arbeitzu beenden, sodass er per Transport nach Zeven zum Arzt ging. Aufgrund der Diagnose wurde er ins Lager Sandbostel überstellt, wo er mit der katastrophalen Ernährungslage im Lager konfrontiert wurde.

Die Rationen waren äußerst dürftig. Daher habe man stets ein Hungergefühl verspürt. Immerhin musste Cottyn nur leichte Arbeiten verrichten. Dennoch befand man sich in ständiger Ungewissheit: „Wir wussten nicht, was mit unseren Angehörigen war. Wir wussten nicht, wie es um den Krieg stand.“ Die Lage erschwerte sich, da außerdem regelmäßig Typhus-Epidemien ausbrachen, die durch allerlei Ungeziefer hervorgerufen wurden und viele Todesopfer forderten. Nach der Befreiung durch britische Truppen am 27. April 1945 kam Cottyn Ende Mai 1945 wieder in Belgien an. Er ging wieder zur belgischen Armee und traf sogar zwei Kameraden aus dem Lager wieder.

Abschließend wurde Roger Cottyn von den Schülerinnen und Schülern befragt. Dabei war folgende Frage äußerst spannend: „Was war ihr schlimmstes und ihr schönstes Erlebnis während dieser Zeit?“ Cottyn antwortete wie folgt: „Das schlimmste war, unschuldig in den Krieg geraten zu sein, das schönste war es, wieder nach Hause zu kommen.“
Worauf er aber bis heute Wert lege, sei die Tatsache, dass er überhaupt keine Hassgefühle gegenüber Deutschen habe. Er lebt bis heute in Schleswig-Holstein.
Die Schüler waren äußerst beeindruckt und bemerkten, dass Roger Cottyn sehr anschaulich und vital erzählt habe und auch noch Originaldokumente aus der Zeit zeigen konnte. (ZZ/js)

Roger Cottyn

Roger Cottyn bei seinem Vortrag.

 
 
 






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