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Am Montag den 6. September erhielt der Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel, Andreas Ehresmann und der wissenschaftliche Mitarbeiter Christian Römmer, überraschenden Besuch. Elizabeth (Elzbieta) und Mary (Maria) Servas (geb. Narewska) aus London besuchten Sandbostel, um den Ort zu sehen, an dem ihre Eltern, die polnischen Widerstandskämpfer Zefia Ruzga und Ignacy Narewski im Kriegsgefangenenlager am 7. Januar 1945 heirateten.
Elizabeth Servas (geb. Narewska) und Mary Narewska (rechts) am Gedenkstein für die im Stalag X B gestorbenen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge. Foto: Andreas Ehresmann, 6.09.2010
Das es im Stalag X B Hochzeiten gab, war den Historikern der Gedenkstätte bereits bekannt: in einer Sonderausstellung zu den polnischen Kriegsgefangenen wird eine Hochzeit kurz erwähnt. Überrascht waren dann sowohl die Gedenkstättenmitarbeiter als auch Elizabeth und Mary Narewska, als sich herausstellte, dass es sich um die gleiche Hochzeit handelte.
Zefia Narewska, 1946 in einer britischen Militäruniform.
Ignacy Narewski, 1946 in einer britischen Militäruniform
Zefia Ruzga und Ignacy Narewski waren beide Angehörige der Armia Kraiowa (AK), der polnischen Heimatarmee, die gegen die deutsche Besetzung Polens kämpften. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands und der Kapitulation der AK am 2. Oktober 1944 gerieten beide in Kriegsgefangenenschaft. Nach dem Weg durch mehrere Lager gelangten Zefia Ruzga und Ignacy Narewski in das Kriegsgefangenenlager Stalag X B in Sandbostel. Hier schrieben sich die beiden, die sich bereits vorher kennen und lieben gelernt hatten, kleine Kassiber, die mit Hilfe eines sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Zäune in die verschiedenen Lagerteile geschmuggelt wurden.
Anfang Januar 1945 ersuchte Ignacy Narewski bei dem Kommandanten des Stalag X B förmlich um die Erlaubnis der Heirat. Nachdem die Erlaubnis erteilt wurde, fand am 7. Januar 1945 im polnischen Sakralraum die offizielle Zeremonie statt. Die Schwestern Elizabeth und Mary Narewska brachten den erstaunten Historikern zahlreiche Dokumente über die Hochzeit mit. Neben den Kassibern, dem Hochzeitsgesuch beim Kommandanten brachten die Schwestern auch das Hochzeitsprotokoll, die Gästeliste, die Predigt des polnischen Geistlichen und die Ansprache des Kommandeurs des zweiten Bataillons der Polnischen Heimatarmee mit. Die Dokumente wurden der Gedenkstätte vorerst als Kopie überreicht, die Schwestern sagten aber die Überlassung der Originale zur Verwendung in der geplanten neuen Dauerausstellung zu.
Die Eltern Zefia Narewska und Ignacy Narewski wurden zum Kriegsende in verschiedene andere Lager verlegt. Nach der Befreiung fanden sich die beiden wieder und lebten die ersten Jahre in der polnischen Stadt Maczków im Emsland, wo Mary geboren wurde. Im August 1947 siedelte die Familie nach England über.
Nach einer Begrüßung begleitete Andreas Ehresmann Elizabeth und Mary Narewska durch die Dauerausstellung und über das Außengelände der Gedenkstätte. Erfreut zeigten sich die Schwestern, dass ihre Eltern in der Sonderausstellung zur Geschichte der polnischen Kriegsgefangenen im Stalag X B gewürdigt werden. Außerhalb des Gedenkstättengeländes machten sich Andreas Ehresmann und die beiden Gäste aus England auf Spurensuche nach den Baracken in denen die Eltern untergebracht waren. Die Baracke 90, in der die weiblichen Angehörigen der Armia Kraiowa und die Mutter, Zofia Ruzga in Sandbostel untergebracht waren, ist vollständig abgetragen. In einem Grünstreifen direkt neben der Gedenkstätte konnte Andreas Ehresmann den beiden Schwestern aber noch den Standort und einen erhaltenen Entwässerungsschacht zeigen. Die Baracke in der der Vater untergebracht war konnte nicht mehr genau ermittelt werden. Die drei besuchten aber den Bereich im späteren KZ-Auffanglager, in dem sich die Unterkunftsbaracken der polnischen Gefangenen der Armia Kraiowa befanden.
Sichtlich bewegt legten die Schwestern am Gedenkstein für die in Sandbostel gestorbenen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge und am polnischen Gräberfeld auf dem ehemaligen Lagerfriedhof, der heutigen Kriegsgräberstätte Sandbostel, Blumen nieder.
Zefia Ruzga. Porträtzeichnung des italienischen Militärinternierten Alessandro Berretti. Sandbostel 1944.
Zur Information: Armia Kraiowa (AK)
1942 wurde die Armia Kraiowa (AK), besser bekannt als Polnische Heimatarmee, gegründet (Vorläufer wurden bereits unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 gegründet). Die AK beanspruchte die Führung des militärischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzung. 1943 hatte die größte polnische Untergrundarmee ca. 380.000 Mitglieder die ab 1944 zunehmend den militanten Partisanenkampf gegen die Wehrmacht aufnahmen.
Da in Juli 1944 die sowjetische Armee nur noch 20 Kilometer vor den Toren Warschaus befand, entschloss sich die Armia Kraiowa am 1. August 1944 mit 40.000 bewaffneten Kämpfern zum Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Der als Warschauer Aufstand in die Geschichtsbücher eingegangene Aufstand wurde jedoch blutig niedergeschlagen und am 2. Oktober wurde von AK-Vertretern ein Kapitulationsvertrag unterzeichnet. Obwohl die Angehörigen der Armia Kraiowa keine regulären Soldaten und somit Partisanen waren, wurde der AK der Kombattantenstatus zugestanden und die etwa 11.668 AK-Angehörigen, darunter ungefähr 2.000 Frauen entsprechend den Genfer Konventionen wie reguläre Soldaten behandelt.
Im Oktober 1944 erreichten tausende männliche und 552 weibliche Angehörige der Armia Kraiowa das Stalag X B Sandbostel. Überwiegend wurden die Frauen in der Baracke 90, zwischen dem Stalag und dem Oflag untergebracht. Die Männer wurden in zuvor geräumten Baracken an der Lagerstraße im Bereich des späteren KZ-Auffanglagers untergebracht. Am 18. Dezember 1944 und am 22. Februar 1945 wurden die Frauen ins emsländische Oberlangen deportiert, wo die weiblichen Angehörigen der AK konzentriert und am 12. April 1945 von der 1. Polnischen Panzerdivision befreit wurden.