Bremervörder Zeitung 12. August 2011

SANDBOSTEL. Europa wächst immer enger zusammen. Das Europabüro der Regierungsvertretung Lüneburg will auch die Bürger in ländlichen Regionen verstärkt über europapolitische Themen, Funktionen der Institutionen und das Leben, Arbeiten und Studieren im Ausland informieren. EU-Infopoints in verschiedenen öffentlichen Einrichtungen sind die erste Anlaufstelle. Auf dem Gelände des ehemaligen Kriegs- und Gefangenenlagers Sandbostel ist am Mittwoch der dritte EU-Infopoint im Landkreis Rotenburg eröffnet worden. "Zuerst einmal muss man sich lösen von der Vorstellung, Gedenkstätten seien reine Erinnerungsorte. Sie sind für uns vielmehr auch Lernorte", sagte Karl-Heinz Buck, Vorsitzender der Stiftung Lager Sandbostel. Die jährlich rund 7 500 Besucher würden nicht nur über die Geschichte des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Stalag X B informiert. "Es geht natürlich auch um die Themen Menschenrechte, Friedensarbeit, Völkerverständigung und Demokratie. Themen, die auch für die EU wichtig sind", betonte Buck.
Der Vorschlag, auf dem ehemaligen Lagergelände einen EU-Infopoint einzurichten, kam aus dem Verein "Pro Europa". "Das Lager Sandbostel ist mit Sicherheit der geeignete Ort für einen EU-Infopoint. Sandbostel ist eine Anlaufstelle für viele und sehr unterschiedliche Menschen", ergänzte Detlef Cordes, Vorsitzender des Vereins "Pro Europa". "Für viele Bürger ist die EU weit weg", so Karl-Heinz Buck. Mit Hilfe des EU-Infopoints soll eine Brücke von Brüssel zu den Bürgern der Region geschlagen werden. "Die EU ist mehr als Milliarden für schwächelnde Staaten bereitzustellen und auch mehr als sich Gedanken zu machen, wie krumm eine Gurke sein darf. Hier besteht Informationsbedarf und die Stiftung Lager Sandbostel möchte ihren Teil dazu beitragen", sagte Buck. Bernd Lange, Mitglied im Europäischen Parlament (SPD), zitierte zu Beginn seiner Rede den langjährigen Außenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher: "Europa ist unsere Zukunft. Wir haben keine andere." Dennoch leugnete er nicht, dass die "Schicksalsgemeinschaft EU" nicht bei allen Bürgern auf uneingeschränkte Zustimmung stößt. "Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger", plädierte Lange. Auch nach 60 Jahren sei Europa ein Lernprozess. "Es ist wichtig, ab und zu die Perspektive zu wechseln und mal die polnische oder italienische Brille aufzusetzen", ergänzte Lange. Sinn und Zweck der EU-Infopoints sei es, den Menschen die Europäische Union näher zu bringen. Das Lager Sandbostel sei Lange zufolge ein "einzigartiger Erfahrungsort, die Geschichte greifbarer zu machen". Das Internationale Jugendworkcamp sei ein lebendiges Beispiel für die Aufarbeitung der kollektiven Erfahrung. Abschließend verwies Bernd Lange in seiner Rede auf die Erklärung des französischen Außenministers Robert Schuman vom 9. Mai 1950: "Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen." Bis heute habe dieses Zitat nicht an Aktualität verloren. "Der EU-Infopoint ist mehr als ein Broschürenständer, wir sind Ansprechpartner", betonte Anja Penk, Leiterin des Europabüros der Regierungsvertretung Lüneburg. "Die Europäische Union ist ein Garant für Frieden und Freiheit."