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Bremervörder Zeitung 5. August 2011 (Online-Ausgabe)

Aus Nummern werden Menschen


Sandbostel. Aleksandr Babenko ist nur 37 Jahre alt geworden. Im April 1944 starb der Soldat aus dem russischen Petronino im NS-Kriegsgefangenenlager Sandbostel. Mit ihm gerieten zwischen 1941 und 1945 Millionen sowjetischer Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft, bekamen eine Nummer, wurden ihrer Identität beraubt und waren oft massiver Schikane ausgesetzt. In Sandbostel versuchen Jugendliche aus drei Nationen gerade, einigen der Toten wenigstens einen Teil ihrer Würde zurückzugeben: Sie schreiben ihre Namen auf Tontafeln. Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren aus Russland, Polen und Deutschland sind zu dem Workcamp angereist, das der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) organisiert. "Klar, das ist anstrengend, das ist nicht nur Urlaub", sagt Vivien Rönneburg (18), die aus Hamburg kommt. "Aber hier beschäftige ich auch den Kopf, schließe Freundschaften – und auf Mallorca ist es jetzt sowieso zu heiß", sagt sie mit einem Lachen. Zwei Dutzend junge Leute werten an diesem Tag alte Wehrmachts-Personalkarten aus, um sich langsam den Menschen zu nähern, deren Namen sie später mit einer Stricknadel in Ton stechen wollen. Dann müssen die 20 mal zwölf Zentimeter großen Ziegel etwa zwei Wochen trocknen, um schließlich gebrannt zu werden. Später sollen sie auf dem Kriegsgräberfriedhof unweit des ehemaligen NS-Lagers Sandbostel an die Toten erinnern. "Wir kennen mittlerweile 4 700 Namen der sowjetischen Kriegsgefangenen, die hier anonym in Massengräbern bestattet wurden", berichtet Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann.

Gut 70 Jahre nach dem Überfall deutscher Truppen auf die Sowjetunion forschen nach den Worten des Historikers immer mehr Angehörige nach Spuren russischer Kriegsgefangener. Möglich ist das, weil in Russland mittlerweile die Archive geöffnet wurden und das Material in einer Internet-Datenbank abrufbar ist. "Es handelt sich um 800 000 Karteikarten mit Angaben, die in Moskau lange unter Verschluss waren und die nun in Zusammenarbeit mit der niedersächsischen und der sächsischen Gedenkstätten-Stiftung ausgewertet werden können", freut sich Ehresmann über das unerwartete Material. Workcamp-Teilnehmerin Dascha Antonowa (19) stammt aus Russland und hilft ihrer Gruppe, die in Moskau ergänzten kyrillischen Ergänzungen auf der Karte von Aleksandr Babenko mit der Gefangenen-Nummer 130 018 zu übersetzen. "Das könnten wir sonst nicht verstehen", sagt Vivien, die nun erfährt, dass der tote Unteroffizier blond, nur 1,63 Meter groß und früher Kaufmann war. Doch viele Fragen bleiben offen. So gibt es keine Indizien, warum der Mann am 17. April 1944 in Sandbostel gestorben ist. "Wenn etwas auf den Karten steht, dann sind es meistens Standardformulierungen wie ,allgemeine Körperschwäche'", erläutert Ehresmann. "Dass die Soldaten in Wahrheit erbärmlich verhungert oder erschossen wurden, hat die Wehrmacht nicht registriert." Insgesamt sollen nach Angaben von Historikern in den Lagern der Wehrmacht 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene umgekommen sein – Sandbostel zählte zu den größten.

Zwischen 1939 und 1945 waren hier etwa 600 000 Menschen aus 46 Nationen interniert. Die britische Armee befreite Sandbostel am 29. April 1945 und traf dabei auf 6 000 KZ-Häftlinge und 14 000 Kriegsgefangene, darunter 3 000 Rotarmisten. Sie seien noch immer vergessene Opfer, betont Campleiter Arpad Pfisterer (46) vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Sandbostel. Mit der Recherche zu den Tontafeln näherten sich die Jugendlichen langsam diesen Menschen. Pfisterer: "Das sind meist Jüngere, die vom Alter her gar nicht so weit von ihnen selbst entfernt sind. Das birgt eine zusätzliche Chance zur Identifikation mit der Aufgabe, den Toten des Lagers Sandbostel ihren Namen wieder zurückzugeben. So werden aus Nummern auch wieder Menschen." (epd)

 

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