Von Daniel Klotzek
Sandbostel. Am vergangenen Freitag hat eine internationale Jugendgruppe, die zur Zeit an einem Workcamp in Neuengamme teilnimmt, das ehemalige Kriegsgefangenenlager in Sandbostel besucht. Die elfköpfige Gruppe wurde von Dr. Reimer Möller, leitender Archivar in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, betreut.
Die jungen Leute kamen aus acht verschiedenen Nationen (Russland, Polen, Deutschland, Aserbaidschan, Ukraine, Tschechien und Ungarn). In der Gruppe verständigte man sich auf Englisch. „Einige Jugendliche haben Verwandte, die in Neuengamme oder in Sandbostel gestorben sind“, erzählt Dr. Möller. Begleitet wird die Gruppe von Heidberg Behling und Klaus Möller. Beide sind Mitglieder des „Freundeskreises der KZ-Gedenkstätte Neuengamme“. Durch das Kriegsgefangenlager führte sie Karl-Heinz Buck, Vorsitzender der Stiftung Lager Sandbostel.
Die Führung begann mit der Präsentation historischer Filmaufnahmen, die nach der Befreiung des Lagers von britischen Soldaten gemacht wurden. Buck kommentierte die Aufnahmen, Dr. Möller übersetzte für die Jugendlichen ins Englische.
Die zunächst lockere und entspannte Atmosphäre schlug beim Anblick der bedrückenden Aufnahmen um: Die Stimmung wurde sehr ernst. Es war nur noch das Schlucken und Räuspern der jungen Zuschauer zuhören. Die Aufnahmen zeigten teilweise erschreckende Bilder von toten Häftlingen und deutschen Soldaten, die abgeführt wurden. Die Überlebenden die zu sehen waren, sahen abgemagert aus, hatten jedoch ein Lächeln im Gesicht, schließlich hatte das unvorstellbare Leiden nun ein Ende. „In den Tagen und Wochen nach der Befreiung war es den britischen Medizinern nicht möglich alle Überlebenden zu retten. So starben noch einige hundert Häftlinge nach der Befreiung des Lagers“, erläuterte Karl-Heinz Buck.
Nach den Aufnahmen konnte sich die Gruppe in der im Juli provisorisch eingerichteten Gedenkstätte ein Bild vom Lager Sandbostel machen. Ein großes Modell des Lagers, Informationstafeln und Fundstücke gewahren einen Einblick in die historische Entwicklung vom Kriegsgefangenenlager zur heutigen Dokumentations- und Gedenkstätte.
Während des Rundgangs über das Gelände erzählten zwei Jugendliche von ihrer Motivation, am Workcamp teilzunehmen; Lena Alexeeva aus Russland möchte etwas über die Vergangenheit lernen. „Was man bei uns in der Schule lernt ist mir zu wenig. Man kann es erst richtig verstehen, wenn man es gesehen hat“. Lena hat vor drei Jahren das erste Mal an einem Jugendcamp dieser Art in Sandbostel teilgenommen. Michael Drabik aus Polen hat einen Verwandten, der im KZ gestorben ist. „Mein Urgroßvater war in Neuengamme. Das ist zu hundertprozentig belegt. Das er hier in Sandbostel war, ist wahrscheinlich, aber nicht sicher“, sagt der 19-Jährige. Er nimmt am Camp in seinen Ferien teil und beginnt im Herbst mit einem Kunststudium.
Seit etwa einer Woche ist auch ein „Workcamp“ in Sandbostel aktiv. Die Jugendlichen aus Deutschland, Moldawien, Frankreich und Russland haben es sich zur Aufgabe gemacht, das verwilderte Lagergelände Sandbostel auf Vordermann zu bringen.
Nach einer Zeichnung aus dem Jahr 1946 sollen die originalen Wege wieder freigelegt werden. Und von ihrer Arbeit ist schon Einiges zu sehen. Viele Wege sind wieder passierbar und sogar die historischen Wegbegrenzungen wurden wieder freigegraben. Bäume wurden gefällt und Müll entsorgt.
Das Gedenkstättenprojekt kommt gut voran. Buck spricht von „großen Chancen“ in die Bundesförderung zu kommen. Weitere Fördergelder sollen zur Erhaltung der zunehmend verfallenden Gebäude genutzt werden. Auch das Interesse am Kriegsgefangenenlager wächst offenbar: Vor zwei Wochen besichtigten über 260 Geschichtsinteressierte das ehemalige Kriegsgefangenenlager. In der vergangenen Woche waren es 240. |