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Bremervörder Zeitung 12. Januar 2009

Mario und sein "Henkelmann"

Der Fahrendorfer Fotojournalist Günter Zint besucht ehemaligen Lagerinsassen von Sandbostel

Von Harm Zimmering

Sandbostel. Für atemberaubend spannende Vermittlungen historischer Ereignisse sind lebende Zeitzeugen manchmal so wichtig wie das Wasser für die Fische. Wenn man dann noch 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen ehemaligen Kriegsgefangenen mit persönlichen und erst jetzt aufgetauchten Fundstücken aus seiner Leidenszeit konfrontieren will, bedarf es zudem eines nahezu kriminalistischen Spürsinns. Der Fotojournalist Günter Zint aus Fahrendorf hat eine große Zuhörerschaft am Sonnabend in der Lagerkirche Sandbostel mit auf eine solche Spurensuche genommen, deren Ausgangspunkt ein schlichter
Henkelmann“ ist.
Ein solches Essgeschirr findet vor wenigen Jahren ein Landwirt aus Ober Ochtenhausen beim Abriss seines Schuppens. Nun ist ein derartiger Nahrungsbehälter aus Aluminium an sich nichts Besonderes. Tausende davon wurden unter anderem auch von Lagerinsassen in Sandbostel benutzt.
Der „Henkelmann“ aus Ober Ochtenhausen aber weist besondere Merkmale auf: Er ist zum einen überraschend gut erhalten und ihn zieren zum anderen mit einem spitzen Gegenstand eingeritzte Ornamente. Etwas jedoch ist noch weitaus interessanter. Den Essnapf schmückt ein Name, der noch heute deutlich zu entziffern ist: Mario Sorgente. Das Interesse von Günter Zint ist geweckt. Wer war Mario Sorgente? Ob der Mann vielleicht noch lebt? Diesen Fragen will er nachgehen.
Zunächst ist es nur eine Schnapsidee. Schnell aber entwickelt sich daraus eine etliche Wochen andauernde Recherche. Italienische Telefonbücher werden gewälzt, Aufrufe in Zeitungen der Apenninhalbinsel gestartet. Der Ehrgeiz ist angestachelt: Als sich aus dem Land des Vesuv niemand meldet, versucht man es schließlich noch einmal mit einem Artikel in der italienischen christlichen Zeitung „Famiglia Cristiana“.
Und siehe da: Das Unglaubliche geschieht! Es meldet sich ein gewisser Franco Sorgente. Er ist Buchhalter und wohnt in Cellole in der Provinz Caserta an der mittleren Westküste des „Stiefels“. Sein Vater ist der gesuchte Mario Sorgente, inzwischen 80 Jahre alt und noch immer kerngesund. Mario Sorgente zählt erst 18 Jahre Lenze, als er in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät.
Zunächst arbeitet er bei BMW in München in einem Flugzeugmotorenwerk. Dann wird er nach Norddeutschland gebracht und landet über verschiedene Stationen auch im Stalag XB in Sandbostel. Hier hat Sorgente seinen Namen in den „Henkelmann“ geritzt. Später wird der Italiener von den Amerikanern befreit.

Günter Zint mit dem Henkelmann des Mario Sorgente
Nach 60 Jahren sah Mario Sorgente seinen „Henkelmann“ wieder: Der Fahrendorfer Fotojournalist Günter Zint machte den ehemaligen Besitzer in Italien ausfindig.                                                                  Foto: Zimmering


Günter Zint reist also nach Italien. Und der Fahrendorfer staunt nicht schlecht: Im Heimatort Sorgentes wird er wie ein Staatsbesucher empfangen. Vom Ortsschild bis zum Haus von Mario Sorgente eskortiert ihn die Polizei, der Bürgermeister und viele Anwohner sind auf den Beinen. Der italienische Verwaltungschef hat allerdings Einiges in den falschen Hals bekommen: „Der glaubte, ich wolle Reklame für seinen Ort machen“, schmunzelt Günter Zint, der zunächst alle wichtigen Einwohner von Cellole fotografieren muss.
Dann aber spricht er endlich mit dem ehemaligen Kriegsgefangenen in Sandbostel. „Es ist pures Glück gewesen, dass wir das Stalag XB in Sandbostel überlebt haben“, erzählt Mario Sorgente, dem Tränen in den Augen stehen, als er nach 60 Jahren sein ehemaliges Essgeschirr wieder in Händen hält. Viele seiner Kameraden seien dort an Krankheiten und mangelhafter Ernährung gestorben, erinnert sich der Italiener.

Und wie ist der jetzige Rentner auf Deutschland zu sprechen, in dem er in jungen Jahren so viel Leid erfahren musste? „Das Lager war einfach schrecklich“, erzählt er Günter Zint. Dann aber schränkt er ein: „Es waren eben schlechte Zeiten, es war halt Krieg.“ Für Deutschland hat er heute nur gute Worte übrig: „Es ist ein schönes Land mit wunderbaren Menschen.“ Dass diese Einschätzung für ihn keineswegs nur eine leere Floskel ist, beweist Mario Sorgente 1962: Er kehrt nach Deutschland zurück. Bis Ende der 1970er Jahre arbeitet er als Zimmermann in Stuttgart.
Günter Zint trifft in Italien einen weiteren ehemaligen Kriegsgefangenen des Stalag XB in Sandbostel: Es ist Dr. Raffaele Arcella, der es als Rechtsanwalt in seiner Heimat zu einigem Wohlstand gebracht hat. Er ist 1944 als Offizier der italienischen Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und hat mehrere Monate in Sandbostel verbracht. Arcella allerdings hat im Gegensatz zu Mario Sorgente nur grausame Erinnerungen an diese Zeit: „Sandbostel war die Hölle“, erzählt er Günter Zint.

Der Rechtsanwalt berichtet dem deutschen Fotojournalisten, dass  er Anfang 1945 nach Hamburg kam, um hier zum Schweißer ausgebildet zu werden. Bei seiner Ankunft in. Hamburg-Altona am 4. Februar 1944 endet die Zugfahrt in einem fürchterlichen Bombenhagel der Alliierten. In diesem Chaos findet er ein dreieinhalbjäriges Mädchen, dass verzweifelt seine Mutter sucht. Arcella findet sie schließlich und legt ihr das Töchterchen wohlbehalten in die Arme.
Das kleine Mädchen heißt Rosemarie, ist heute 66 Jahre alt, besucht Dr. Arcella jedes Jahr und besitzt mittlerweile sogar eine Ferienwohnung in dem Haus des Rechtsanwalts.
Die Reise von Günter Zint nach Italien ist inzwischen drei Jahre her. Die Zuhörer in der Sandbosteler Lagerkirche aber zeigten sich fasziniert von der Geschichte des mühsam verzierten „Henkelmanns“, den Mario Sorgente Günter Zint wieder mit auf dessen Heimreise gab: „In der Gedenkstätte Sandbostel ist mein ehemaliges Essgeschirr am besten aufgehoben“, hat er gesagt. Und nach kurzem Überlegen hinzugefügt: „Dort gehört es einfach hin.“

 






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