Von Harm Zimmering
Sandbostel. In der Forschung kaum berücksichtigt und bislang eher unter dem Mantel des Schweigens versteckt wurde der Arbeitseinsatz von 150 jungen Frauen aus Delmenhorst im Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Stalag XB Sandbostel. Jetzt hat die junge Bremer Politologin Henrike lllig dieses Thema wissenschaftlich aufbereitet. Am Mittwoch präsentierte die gebürtige Bremervörderin das Ergebnis ihrer Arbeit interessierten Zuhörern in der gut besuchten Lagerkirche. Dr. Klaus Volland vom Dokumentation- und Gedenkstättenverein ging in einer kurzen historischen Einführung unter anderem auf viele weitere Gruppen ein, die beim Einsatz für die KZ-Häftlinge in Sandbostel eine Rolle spielten.
„Ich habe bei meinen Recherchen viel Unterstützung erfahren, stieß jedoch gelegentlich auch auf heftige Ablehnung“, sagte Henrike lllig. Als das Lager am 29. April 1945 von britischen Truppen befreit worden sei, hätten die Engländer unvorstellbares Elend vorgefunden: Schwerkranke, Leichen und Sterbende lagen in ihren Exkrementen, halb Verhungerte glichen lebenden Skeletten.
Ebenso schockiert wie empört hätten die Briten Frauen und Männer aus den umliegenden Dörfern dienstverpflichtet, um bei Aufräumarbeiten und Pflege der Häftlinge zu helfen. Aber: Es waren eben nicht nur Einheimische, die zu solchen Diensten herangezogen wurden. Rund 150 junge Frauen und Mädchen aus dem knapp 100 Kilometer entfernten Delmenhorst erhielten am 28. April 1945 einen schriftlichen so genannten „Stellungsbefehl“, nach dem sie sich schon am nächsten Morgen um 7 Uhr am Rathaus ihrer Stadt einzufinden hatten.
Diese Maßnahme der britischen Befreier stellte Henrike lllig in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Sie konnte nach mühseligen Recherchen rund zehn dieser ehemaligen zwangsverpflichteten Frauen ausfindig machen und sie nach ihren Eindrücken und Erlebnissen im Lager Sandbostel befragen. Und eben diese Schilderungen waren schon beim Zuhören schwer verdaulich.
„Der Stellungsbefehl zu einem kurzfristigen Arbeitseinsatz enthielt für die Frauen keinerlei konkrete Informationen“, erläuterte Henrike lllig die lähmende Ungewissheit der Betroffenen, die nicht zuletzt von quälender Angst vor sexuellem Missbrauch gepeinigt wurden. Nach zwei Tagen seien sie schließlich in Sandbostel angekommen. Henrike lllig: „Hier wurden sie dann auf brutale Weise mit dem Ergebnis des Nazi-Regimes konfrontiert."Die Frauen mussten jeden Tag rund 100 Tote „entsorgen“ und in eine Halle schaffen. „In der Entwesungsbaracke sahen sie grausam entstellte Männer, bei deren Anblicke manche Helferin aus Delmenhorst laut aufgeschrieen hat“, sagte Henrike lllig. Das unvorstellbare Leid im Lager habe in krassem Gegensatz zu den endlos gepredigten Idealen der so genannten „Herrenmenschen“ gestanden, verwies die junge Politologin auf den Gemütszustand der restlos schockierten Frauen.
Dabei verstand sie es glänzend, die erbärmlichen Zustände im Lager mit vielen beeindruckenden Zitaten der von ihr interviewten ehemaligen Helferinnen nachhaltig zu untermauern. Und auch der britische Militärarzt Robert Barer wurde zitiert: In einem Brief an seine Frau habe er geschrieben: „Weder die Inquisition noch das Hinsiechen von Kranken im Mittelalter waren so schlimm wie der Zustand im Lager Sandbostel“. Gleichwohl: Die britischen Befreier hätten sich stets korrekt gegenüber den Frauen verhalten. Übergriffe habe es nie gegeben.Henrike Illig erläuterte ihren Zuhörern, dass sie neben einer Nachzeichnung der unterschiedlichen Dienstleistungen der Delmenhorsterinnen besonders die Frage beschäftigt habe: „Wie undvor allem woran erinnern sich die Frauen heute nach 63 Jahren?“ Viele von ihnen hätten nach ihrer Rückkehr am 11. Mai 1945 zunächst geschwiegen. Und genau das hat die Politologin beschäftigt, die sich diesem Thema selbstredend mehr wissenschaftlich als historisch gewidmet hat. Henrike Illig: „Für dieses Schweigen muss es Gründe gegeben haben“. Sie könne sich zum Beispiel vorstellen, dass sowohl eine Überforderung durch die Komplexität der damaligen Situation als auch die spezifische Erziehung in Jugendorganisationen dafür verantwortlich seien. Als weiterer Grund denkbar sei jedoch auch das seinerzeit bestehende Bedürfnis, Erlebnisse und Erfahrungen während der NS-Zeit auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zu verdrängen.
Henrike Illig bleibt an dieser Thematik dran und will ihre Forschungen
und wissenschaftlichen Untersuchen in nächster Zeit fortsetzen. Dafür bittet sie alle Leser der BZ um Unterstützung. Die Bremer Politologin bittet weitere Zeitzeugen, die nach der Befreiung im Lager Sandbostel gearbeitet haben oder zwangsverpflichtet wurden, sich bei der Dokumentationsstätte (Tel.: 04764/810520) zu melden. Es wird allen Unterstützern auf Wunsch größte Diskretion zugesichert.
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