Als 150 junge Frauen das Lager Sandbostel aufräumten
Bremer Politologin Henrike Illig erinnert am 12. November in der Lagerkirche an Ereignis von 1945
Sandbostel (lh). Eine Episode aus der Geschichte des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel steht am Mittwoch, 12. November, im Blickpunkt: Der Arbeitseinsatz von 150 jungen Frauen aus Delmenhorst zum Aufräumen des Lagers und zur Pflege der Insassen im Frühjahr 1945, angeordnet durch die britische Militärregierung.
Motto: "Seeing is believing".
Die Politologin Henrike Illig aus Bremen informiert ab 19 Uhr in der Lagerkirche Sandbostel über das Geschehen, das sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges abspielte. "Nach der Befreiung des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel am 29. April 1945 durch die britische Armee wurden zahlreichen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer aus den angrenzenden Dörfern und der weiteren Umgebung zu Aufräum- und Pflegearbeiten im Stalag XB dienstverpflichtet", so Andreas Ehresmann, Projektkoordinator der Stiftung Lager Sandbostel und Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel, in einem Pressetext.
Henrike Illig habe beispielhaft eine Gruppe von 150 jungen Frauen aus Delmenhorst untersucht, die am 28. April 1945 einen schriftlichen Befehl erhielten, sich auf Anordnung der britischen Militärregierung am Morgen des 29. April 1945 um 7 Uhr am Rathaus einzufinden. "Mitzubringen sind Essnapf, Essbesteck, Decken und das übliche Handgepäck für den Aufenthalt im Lager. Bekleidung mitbringen für einen Arbeitseinsatz. Vorsorglich Verpflegung mitbringen für einen Tag", hieß es.
Die Maßnahme der britischen Befreier, die jungen Frauen zu Aufräum- und Pflegearbeiten im Lager Sandbostel heranzuziehen, steht im Mittelpunkt des Vortrags. Dabei werden das Zustandekommen des "Stellungsbefehls", die einzelnen Stationen des Transportes der Dienstverpflichteten, ihr Aufenthalt im Lager sowie die dort zu verrichteten Arbeiten geschildert.
Ein weiterer Teil des Vortrags soll die Erinnerungen der damals verpflichteten Frauen an ihre Zeit im Lager beschreiben. Außerdem wird die Politologin aufzeigen, wie die interviewten Frauen ihren Einsatz aus heutiger Sicht bewerten. "Seeing is believing", lautete das Motto damals - was frei übersetzt soviel bedeutet wie: "Sehen bedeutet glauben." Die Deutschen sollten mit eigenen Augen sehen, was in ihrer Umgebung und in ihrem Namen geschehen ist. Im Lager Sandbostel sind tausende Menschen umgekommen.
Bereits drei Tage vor der Vortragsveranstaltung in der Lagerkirche, also am geschichtsträchtigen 9. November, haben Besucher ab 13 und ab 15 Uhr die Möglichkeit, an einem geführten Rundgang über das Lagergelände teilzunehmen. Begleitet werden sie vom pädagogischen Leiter der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel, Burkhard Rexin, sowie zertifizierten Gästeführern.
Den 70. Jahrestag der "Reichspogromnacht" nutzt die Gedenkstätte zudem, um mit einer kleinen Sonderausstellung an die beginnende offene Verfolgung der Juden zu erinnern und ermordeter Juden zu gedenken. |