Sandbostel. Als britische Soldaten gestern vor 63 Jahren das Sandbosteler Lager betraten, war damit der Tag der Befreiung für 14.000 Kriegsgefangene und 7.000 KZ-Häftlinge gekommen. An das unbeschreibliche Elend der damaligen Zeit und die dort begangenen Verbrechen wird alljährlich in einer Gedenkveranstaltung erinnert. Die Zahl der Teilnehmer wird dabei stets größer: Gestern nahmen neben zahlreichen Einwohnern aus der Region ehemalige Gefangene sowie offizielle Vertreter acht ausländischer Nationen teil.
Jahrzehnte lang lag über der Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel ein Mantel des Schweigens. Erst in den 1980er Jahren wurde auf Privatinitiative damit begonnen, dieses Kapitel regionaler Geschichte aufzuarbeiten. Aus den Anfängen ist mittlerweile die „Stiftung Lager Sandbostel“ entstanden. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht das Gedenken an die Leiden der über eine Million Menschen, die von 1939 bis 1945 in Sandbostel gefangen gehalten wurden und von denen Tausende starben.
In zahlreichen Ansprachen wurde gestern vor der Lagerkirche daran erinnert. „Das Leiden nicht in Vergessenheit geraten“, sagte zu Beginn Clement Volker Poppe, der Vorsitzende des Stiftungskuratoriums. Deutliche Worte sprach Landrat Hermann Luttmann: In Sandbostel seien Deutsche schuldig geworden, sie hätten andere Menschen gequält und erniedrigt. Das ehemalige Lager stehe für das Leid, dass das NS-Unrechtssystem über die Völker gebracht habe.
Umso wichtiger sei es, an diesem Ort dafür einzutreten, dass sich staatliches Unrecht nicht wiederhole. Mit der Gedenkstätte seien die Voraussetzungen geschaffen worden, um jungen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten vor Ort Geschichte nahe zu bringen. Auf diese Weise, so der Landrat, trage Sandbostel zum Frieden und zur Völkerverständigung in Europa bei. Die Landesregierung, versicherte der Staatssekretär, werde diese Arbeit auch weiterhin unterstützen.
Gelobt wurde die Arbeit der Gedenkstätte auch durch Staatssekretär Peter Uhlig, der die verhinderte Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann („im Bildungsbereich herrschen derzeit turbulente Verhältnisse") vertrat. Der Ort mit seiner traurigen Historie, die Engländer hätten 1945 von einem „zweiten Belsen“ gesprochen, sei wichtig als Bezugspunkt für Jugendliche. Hier könnten sie konkret erleben, wohin es führe, wenn Grund- und Menschenrechte keinen Wert mehr hätten. Der stetige Hunger hätte alle Gefangenen während des Krieges in Sandbostel verbunden, berichtete der ehemalige Lagerhäftling Roger Cottyn. Doch während die Westeuropäer arbeiten und, wie Cottyn, teilweise auf Bauernhöfen außerhalb des Lagers tätig waren, litten vor allem die sowjetischen Gefangenen unter der unmenschlichen Behandlung. Dafür typisch: „Wir wurden bei Ausbruch der Typhus-Seuche geimpft, aber natürlich nicht die aus dem Osten.“ Es habe ihn krank gemacht, das Elend jeden Tag sehen zu müssen. Heute sei seine Hoffnung, so Cottyn: „Möge das Leid und Sterben nicht umsonst gewesen sein.“
Mit Bernard Le Godais sprach ein weiterer Ex-Gefangener und heutiger Sandbosteler Ehrenbürger zu den Anwesenden. Er rief dazu auf, sich noch stärker der europäischen Idee Robert Schumans' anzunehmen und weiter an einer internationalen Begegnungsstätte zu arbeiten.
Begonnen hatte die Gedenkveranstaltung mit einer Andacht auf dem Lagerfriedhof. Dabei hatte Superintendent Wilhelm Helmers aus Bremervörde auf die Folgen aufmerksam gemacht, wenn Macht und Gier sich begegnen, fehlbestimmte Politik und falsche Interessen sich treffen. Hass, Unbarmherzigkeit und Machtgier setzten sich gegen Güte und Gerechtigkeit durch. So sei der Gedenktag an die Lagerbefreiung auch ein „Tag der Erinnerung daran, was geschieht, wenn wir Menschen Gottes Wege verlassen,“ mahnte Helmers.
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