Sandbostel. Mit der Gedenkstätte Lager Sandbostel hatten die Veranstalter einen Ort gewählt, der das Anliegen ihres Buches eindrücklich unterstrich: Auskunft zu geben über ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte und die Erinnerung an die eigene Vergangenheit wach zu halten.
In der einstigen Lagerküche des früheren Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers stellten die Herausgeber Jürgen Bohmbach und Hans-Hinrich Kahrs am Donnerstag den Sammelband „Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der NS-Zeit an der Niederelbe“ vor.
ZWANGSARBEIT IN DER REGION
Das Buch setzt sich aus Referaten zusammen, die während des „1. Wissenschaftstages“ im Jahr 2007 am Gymnasium Warstade in Hemmor präsentiert wurden. Ziel war es, so Lehrer Hans-Hinrich Kahrs, Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern der Region zum Thema Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in die Schule zu bringen.
Ein breites Forum wurde aber auch herausragenden Schülerarbeiten geboten, die sich mit dem Unrecht befassten, das direkt vor ihrer eigenen Haustür geschah. Denn eines macht Stades Stadtarchivar und Herausgeber Jürgen Bohmbach deutlich: „Zwangsarbeiter gehörten an der Niederelbe zum Alltag.“
Exemplarisch schildert er das Schicksal des Polen Jan Rurarz, der mit 18 Jahren nach Freiburg verschleppt und erst nach Kriegsende befreit wurde. Besonders eindringliche Episode: Nur mit der Hilfe seines Arbeitgebers, einem Kehdinger Bauern, kann Rurarz verhindern, dass sein neugeborenes Kind in das „fremdvölkische Kinderheim“ in Balje eingeliefert wird - was einem Todesurteil gleichgekommen wäre. Auch die Bilder des Buches berühren. Sie zeigen Pferdefuhrwerke voller toter Kriegsgefangener, die zum Massengrab transportiert werden und ausgemergelte KZ-Häftlinge.
KEINE AUFARBEITUNG
Das Buch regt zum Nachdenken an, geht unter die Haut. Und das soll es auch, denn nicht die endgültige Aufarbeitung von Geschichte ist das Ziel, wie Bohmbach klarstellt: „Das ist ein missverständlicher Begriff, der den Eindruck erweckt, dass man nachträglich etwas heilen und schier machen könne.“ Wichtiger ist aus seiner Sicht, Schuld und Verantwortung zu erkennen, diese sichtbar werden zu lassen.
Und gerade für die heutige Generation ist eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wichtiger denn je, hebt Herausgeber Hans-Hinrich Kahrs hervor: „Nur so lange es noch Zeitzeugen gibt, kann man Antworten auf Fragen bekommen. Die Zeit dazu läuft aber rasend schnell ab.“ (ks)
Das Buch: „Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der NS-Zeit an der Niederelbe“ lautet der Titel des vorgestellten Sammelbandes. Auf 110 Seiten haben Stades Stadtarchivar Jürgen Bohmbach und der Gymnasiallehrer Hans-Hinrich Kahrs die Referate des „ 1. Wissenschaftstages" am Gymnasium Warstade zusammengestellt.
Die Mischung: Verständlich aufbereitete Wissenschaftsbeiträge und prämierte Schülerarbeiten. Die Einführung stammt von Dr. Hans-Eckhard Dannenberg vom Landschaftsverband, der das Buch in der Reihe „Beiträge zur Geschichte und Kultur des Elbe-Weser-Raumes" publiziete. Der Sammelband ist ab sofort für 9,80 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-931879-43-3). |