BREMERVÖRDE. Zeitzeugen, die der jüngeren Generation aus erster Hand von ihren Erlebnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges berichten können, werden immer seltener. Umso wertvoller ist für Geschichtsschüler des zwölften Jahrganges der Bremervörder Berufsbildenden Schulen (BBS) die Begegnung mit Edmund Baranowski aus Warschau gewesen.
Organisiert hatte Geschichtslehrer Reinhard Bussenius das Treffen von Schülern aus vier Geschichtskursen mit dem Zeitzeugen Baranowski, dem Widerstandskämpfer im Warschauer Ghetto und späteren Häftling im Lager Sandbostel. Die Schüler waren sehr beeindruckt von den Schilderungen des ehemaligen Häftlings Nummer 222825, der auch am Warschauer Aufstand teilgenommen hatte.
Betroffen über seine Schilderungen über das Leben und Überleben im Lager, über die unterschiedliche Behandlung der verschiedenen Nationen im Lager, dem Hungermarsch dorthin, wuchs der Wunsch der Schüler, das Lager nun auch zu besichtigen. Zum Schuljahresende besuchten die Klassen in zwei Gruppen das Lager. Werner Zeitler, selbst Sandbosteler, führte in seiner mit Originalfilmen illustrierten Einführung und mit drastischen Bildern in die Geschichte des Lagers ein.
Bis vor wenigen Jahren habe es auf dem Gelände des „Gewerbegebietes Immenhain" nur verfallene oder zum Teil intakte Baracken gegeben, die unter anderem für einen Militariahändler als Lagerraum dienten, bemerkte Werner Zeitler. Das einmalige Ensemble des Stammlagers B im norddeutschen ,Wehrkreis X' hätten insgesamt etwa eine Millionen Kriegsgefangene und Internierte aus mehr als 40 Nationen während der Kriegsjahre „bewohnt“ oder durchlaufen. Von hier aus wurden die Gefangenen auch auf Hunderte von Arbeitskommandos zwischen Elbe und Weser verteilt.
Fassungslos waren die Schüler aber die Tatsache, dass auf einem 500 mal 700 Meter nur großem Areal gleichzeitig bis zu 71 000 Gefangene zusammengepfercht waren. Die 150 Baracken - von den 23 Gebäude bis heute erhalten sind und das größte bauliche Relikt einer weithin in Vergessenheit geratenen Lagergattung bilden - waren insbesondere im russischen und polnischen Lagerteil völlig überfüllt.
Briten, Franzosen und Belgier dagegen waren besser versorgt. Für sie galt, wie die Schüler erfuhren, die Genfer Konvention: Sie hatten eine Lager-Bibliothek, Kulturangebote, Theater und Sport, während für andere das Lager zur Hölle wurde. Das Elend wurde noch gesteigert, zum Beispiel durch Flecktyphus-Seuchen. Zwischen 8 000 und 46 000 russische Sowjetsoldaten starben allein in Sandbostel. Dokumentarfilme britischer Soldaten von den Tagen der Befreiung zeigten den Schülern ein Bild des Grauens.
Nach jahrelangem Kampf für die Aufarbeitung der Geschichte und gegen den Mantel des Schweigens, den etliche Lokalpolitiker gern über das Geschehen decken wollten, sei vor einigen Jahren die Wende geschafft worden, erklärte Zeitler den Zwölftklässlern. Auch wenn es heute immer noch kritische Stimmen gebe, wie der Sandbosteler betonte. BBS-Lehrer Reinhard Bussenius konnte aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Aktivisten für die Errichtung einer Gedenkstätte anfangs massiv unter Druck gesetzt worden seien. Das Denken habe sich aber weitgehend gewandelt: So sei die Unterstützung der Gedenkstätte durch den Landkreis, die umliegenden Gemeinden und auch durch das Land Niedersachsen mittlerweile Konsens. So fordere beispielsweise auch der gestern gewählte neue
niedersächsische Ministerpräsident David McAllister (CDU), dessen schottischer Vater in der 51. Highland-Division in Norddeutschland gekämpft hat, dass „jeder Schüler" aus der Region die Barackensiedlung einmal gesehen haben müsse.
Diese Ansicht konnten die Schüler der Geschichtskurse des zwölften Jahrgangs nach dem Besuch des Lagers ausdrücklich unterstützen. „Besuche des Lagers sollen in Zukunft zum festen Bestandteil des Geschichtsunterrichts am Fachgymnasium werden", betonte Reinhard Bussenius dann auch, (bz/ks)
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