Sandbostel. Menschen aus 64 Nationen sind während des Zweiten Weltkrieges unter teilweise fürchterlichen Bedingungen im Sandbosteler Lager interniert gewesen. In diesem Jahr stand während der Gedenkfeier aus Anlass der Befreiung vor 64 Jahren das Schicksal der US-amerikanischen Gefangenen im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu den Vorjahren befanden sich diesmal keine ehemaligen Insassen unter der immer größeren Zahl von Besuchern dieser Veranstaltung. Ein Zeichen dafür, dass der Kreis der Überlebenden immer kleiner wird.
Vermisst wurde am Mittwoch auch Dr. Dietmar Kohlrausch. Der langjährige Vorsitzende des Gedenkstättenvereins verstarb am 31. März. 17 Jahre habe sich der Rotenburger Historiker für das „Projekt Sandbostel“ eingesetzt, sagte während der Gedenkveranstaltung der neue kommissarische Vereinsvorsitzende Dr. Klaus Volland. Heute gehört der Verein der Stiftung an, in der unterschiedliche Gruppen an dem Aufbau der Gedenkstätte auf dem historischen Lagergelände arbeiten. Ansprache
Die entscheidende Weichenstellung sei 2004 erfolgt, erinnerten Hans-Wilhelm Hastedt und Horst Rademacher. Ihnen gelang damals das Kunststück, „Menschen mit zuvor absolut gegensätzlichen Positionen zu vereinen“ und den Grundstein für die weitere Arbeit zu legen. Mittlerweile bestehe ein „ordentliches Miteinander“ aller Verantwortlichen, sagte der frühere Superintendent Hastedt. Dies sei auch Voraussetzung, denn: „Eine Gedenkstätte kann nicht der Versöhnung dienen, wenn es vor Ort keine Versöhnung gibt.“
Sandbostel sei jetzt auf einem guten Weg: Der Aufbau der Gedenkstätte schreite voran, die Besucherzahl nehme von Jahr zu Jahr zu. Doch das ehemalige Lager müsse mehr als eine Dokumentationsstätte sein, forderte Hastedt in seiner Ansprache. Das Lager müsse die Menschen dafür sensibilisieren, Leid wahrzunehmen und dagegen vorzugehen. „Das hat mit Zivilcourage zu tun“, sagte der Theologe.
Zum Auftakt der Gedenkveranstaltung in der ehemaligen und jetzt renovierten Lagerküche war ungewöhnliche Musik zu hören: Als Reminiszenz an die US-amerikanischen Gefangenen, deren Schicksal in Sandbostel in diesem Jahr den Schwerpunkt bildete, spielte die Big Band des Zevener St.-Viti-Gymnasiums unter Leitung von Friedemann Michallek Jazzmusik und Lieder von Glenn Miller.
Als besonderen Ehrengast konnte der Stiftungs-Kuratoriumsvorsitzende Clement-Volker Poppe die Generalkonsulin der USA aus Hamburg begrüßen. Karen E. Johnson dankte im Namen ihrer Regierung dafür, dass den US-Gefangenen gedacht wurde und gratulierte zum Aufbau der Gedenkstätte. Gedenken sei ein Teil des Fundaments für den Frieden, der ohne harte Arbeit und gegenseitiges Verständnis nicht zu haben sei. Zum Kriegsende 1945 sei nicht zu erwarten gewesen, dass die USA einmal eine mittlerweile enge Freundschaft zu Deutschland und Europa haben werde, sagte Johnson. Freundschaft unter den Staaten sei jedoch Voraussetzung, damit die Welt ein sicherer Ort werde.
An die Verdienste der USA beim Aufbau eines demokratischen deutschen Staates erinnerte Landrat Hermann Luttmann: „Wir haben den Vereinigten Staaten viel zu verdanken“. Die Gedenkstätte Sandbostel erinnere an das „dunkelste Kapitel deutscher Geschichte“ und mahne, dass sich ein derartiges staatliches Unrecht nie wiederholen dürfe.
Im Anschluss an die Feierstunde, an der Abgeordnete des Bundes- und des Landtages, Bürgermeister und Kreistagspolitiker sowie diplomatische Vertreter aus Frankreich, Polen und Kroatien teilnahmen, wurden Blumen am Gedenkstein niedergelegt. Mit einem Gedenkgottesdienst in der Lagerkirche, den Pastor Peter Handrich leitete, endete die Feier des 64. Jahrestages der Befreiung des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers. (rkl) |